ULTRA-KÖRPER: Eine Werkreihe von Alessandro Chiodo Eine Kritik von Federico Poletti Text veröffentlichte an: www.giornalediconfine.net Im Bereich des zeitgenössischen Experimentierens, innerhalb Installationen, hat man eine entscheidende Wiederkehr zur Figuration bemerkt: die erneute Rückkehr eines in vielen Bereichen scheinbar überwundenen Stiles, der heutzutage mehr denn je lebendig ist. Deutlich zu erkennen ist dies an dem Zuwachs an Austellungen.Es besteht kein Zweifel daran, dass die Figuration allmählich dank ihrer radikalen Neugestaltung ihre Achtung des, auf Fans und Eingeweihtern bestehenden Publikums, zurückgewinnt. Es handelt sich um eine sich verbreitende Erscheinung (seit der 2.Hälfte der 90er Jahre) die, sowohl die mit der Großstadt- und der Vorstellungswelt der Massenmedien verbundenen Thematiken, als auch die Techniken durch eine große Vielfalt von formalistische Lösungen erneuert hat. Innerhalb der gegenständliche italienischen Malerei werden zwei sich antithetisch gegenüber stehende Richtungen verfolgt: Einer Tendenz, die man als hart bezeichnen konnte, hat sich ein zarter und ausgesprochen weicher Stil entgegengestellt: Sauren Zeichen der expressionistischen Gewalt gegenüber visionären Tönen feiner Zeichnung. Die harte Linie der neuen Figuration lässt sich von "neo noir" und von der Abscheulichkeit der reellen Ereignisse, wie sie von den Massenmedien wahrgenommen werden, inspirieren. Die zarte Linie der Figuration hat sich dagegen an den neuen Kult der Innerlichkeit des französischen Kinos angelegt; sie bevorzugt deshalb den menschlichen Körper, vor allem den der Frau, gemalt ohne Verzweifelung oder Qual. Obwohl es einige schwer zu isolierende Tendenzen gibt, sind jedoch die Facetten der Künstler im Bereich der Figuration vielfältig. In eine hypothetische dritte Richtung der Figuration könnte man die ästhetische Untersuchung von Alessandro Chiodo reihen, der durch das immer in neuen Wegen benutzte malerische Mittel den mensclichen Körper zwanghaft erforscht und untersucht. Wenn man seine Werke von 1999 bis heute betrachtet, merkt man, wie sie sich von der zarten Linie der Figuration abheben, obwohl der Künstler das malerische Mittel verwendet, indem er zum Protagonisten seiner Kunst den menschlichen Körper wählt. Seine männlichen Akte, wie Stillleben dramatisch herausgekehrt, sind weit entfernt von der Atmosphäre der Figuration als Oase der Glückseligkeit. Seine verstümmelten und mit extremen Pinselstrichen gemalten Figuren zeigen die Gewalt und den Horror des zeitgenössischen Menschen und lassen über den ewigen Konflikt zwischen dem Geist und dem Körper nachdenken. Chiodos Bilder wirken mit großer Intensität der Farben auf den Zuschauer: das Rot beschreibt die anatomischen Details und die Hintergründe, in denen sie eingeschlossen sind. Wenn man die Reihe von roten Akten oder die der gelb-blauen Körper – vielleicht die einzigen in denen der Kopf undeutlich erkannt werden kann-in Augenschein nimmt, kann man die Zentralität: "Zeichen und Farbe" seiner Arbeit verstehen. Obwohl Chiodos Werk als figurativ beschrieben werden kann, überschreitet es die Grenzen der neuen Figuration sowohl in Bezug auf die Ausdruckskraft der Farben als auch die Rohheit der Subjekte. Was die formalen Aspekte betrifft, könnte man meiner Meinung nach sein Werk in gewisser Hinsicht in Verbindung mit der Transavantgarde bringen. Darüberhinaus richtet es sich nach Untersuchungen europäischer und amerikanischer Künstler über den Körper. Trotz der Unterschiede sollte man erwähnen, dass die körperliche Thematik in den Werken von vielen Künstlern vertreten ist, die sich seit den siebziger Jahren damit beschäftigt haben, aber nur in den achzigern zu Ruhm gelangt sind. Unter Anderen, die Werke von Matthew Barney und die von Andres Serrano im Leichenschauhaus abgebildeten Leichen, oder die Fotografien von Robert Mappelthorpe, die entsprechend den Absichten des Künstlers das Verhältnis des Christentums zur Körperlichkeit veranschaulichen. Die körperliche Untersuchung mit ihren beunruhigenden Kehrseiten ist in einem großen Teil der letzten Schaffensperiode des Künstlers aus La Spezia zu erkennen. Seine Überlegungen über die wandelbare und gequälte Körperlichkeit bestätigt ein Interesse, das geringe Zustimmung in Italien gefunden hat. Eher erinnert es an Francis Bacons Entsetzen vor dem Körper oder an die vollkommen ungraziösen Akte von Lucien Freud. In diesem Sinne sind manche Akte bedeutsam -schwebende Bilder, die in einem Käfig aus intensiv gefärbten einfachen Linien eingesperrt sind: Menschliche Gerippe, die auf Bacons Ikonographie oder auf bestimmte Ergebnisse der expressionistischen Malerei nordischer Prägung verweisen. Es ist schwer, den Lauf von Alessandro Chiodo – einem wirklich vielseitigen Künstler, der die Tusche und andere mit den neuen Technologien verbundene Mittel benutzt – innerhalb einer Rückkehr zur "tout court" Malerei einzuordnen. Der Künstler macht zwar Gebrauch von einem traditionellen Mittel, jedoch mit einer revolutionären Wirkung, und geht dabei große gegenwärtige Themen an: Die Unruhe aufgrund einer zerrissenen Subjektivität und den Konflikt zwischen Geist und Körper. Der heutige Mensch muss vielen Herausforderungen entgegentreten. Die erste, und vielleicht auch die wichtigste, ist die Beziehung und die gleichzeitige Konkurrenz zur Maschinerie des Körpers, die der Mensch beherbergt. Die künstlerische Überlegung von Alessandro Chiodo und seine unerbittliche Analyse der menschlichen Lage stellen eindrucksvoll das Unruhegefühl des heutigen Menschen dar, der die nicht wiedergutzumachende Dichotomie zwischen Körper und Geist erlebt. XÁOS. Giornale di confine, n.3 2002-2003, URL: http://www.giornalediconfine.net/n_3/art_14.htm